Ein König hatte zwei Söhne, die gingen spät im Herbst hinauf auf den Rosengarten; dort wuchsen immer Rosen, Winter und Sommer. Eine Rosenstaude schob noch eine Blüte mit bleicher Farbe. Da sagte der eine: "Ich sehe eine Rose auf der Staude"; der andere schaut und sieht sie auch. Beide liefen nun um die Wette nach dem Röslein, und jener, der es zuerst erblickt hatte, verspielte es; denn der andere war zuerst dabei und riß die Blume ab.
 
Das verdroß den einen, und zornig sprach er: "Die Rose gehört mir, ich habe sie zuerst gesehen." "Ich war aber früher bei der Staude", erwiderte der andere, "die Rose ist mein." Nicht lange ging die Rede hin und wider, sie liefen einander mit Waffen an. Der eine, der die Rose zuerst gesehen hatte, stach den andern nieder, und von da an wuchsen keine Rosen mehr.
 
 
Quelle: Heyl, Johann Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897, S. 334