Eine Maid in Baden, die ihrem Liebsten mehr gab als sie geben sollte, wurde deshalb von ihren hartherzigen Mitschwestern so verachtet, daß sie ihr Leben in den Wellen des nahen Teiches als Sühne lassen wollte. Wie sie nun traurig mit diesem Gedanken durch das Rohrschilf schritt, stand auf einmal ein unscheinbares zwergenhaftes Männlein mit grünem Kopfhaar vor ihr und hielt sie am Kleide zurück. Die Maid, zu Tode erschrocken, daß jemand so plötzlich ihr Vorhaben durchschaute, fiel zu Boden und weinte bitterlich, das Männlein aber stieg ihr in den Schoß und versuchte sie mit vielen Worten zu trösten. Als die Maid dem Männlein endlich versprochen hatte, von ihrem sündenhaften Vorhaben abzustehen, da stürzte dasselbe freudig in die Flut und brachte ihr eine weiße Rose aus der Tiefe.
 
Als nun die Maid getröstet und mit ihrem Geschicke versöhnt, hoffnungsfreudig nach Hause kehrte, kam unerwartet ihr Liebster daher und warb um sie als ehrlicher Mann.
 
Des Wassermännleins Rose brachte ihr nun so viel des Glückes, daß sie oft zum Teiche ging, um demselben ihren Dank zu bezeugen. Doch das Wassermännlein erschien nie, so oft sie auch bat und rief. Poch als sie einst mit ihrem Kindlein zum Teiche kam, da sprang das Wassermännlein aus der Flut empor, küßte den Knaben dreimal auf den Mund und verschwand dann mit trauriger Miene für immer in der Tiefe.
 

Quelle: Carl Calliano, Niederösterreichischer Sagenschatz, Wien 1924, Band I, S. 31