Aus der Geschichte des Weihnachtsbaumschmuckes

 

 

 

 

Die Geschichte des Christbaumschmuckes ist zugleich ein Stück Gesellschaftskunde. Sie beginnt mit Essbarem.

 

Der erste Schritt vom bloßen Grün in den Stuben zum geschmückten Weihnachtsbaum vollzog sich um 1400. Der älteste Bericht zeugt von einem mit Äpfeln, Oblaten, Nüssen und Lebkuchen geschmückten Gabenbaum, der im Jahr 1419 von der Zunft der Bäckerknechte in Freiburg i. Br. für die Armen im Heilig-Geist-Spital aufgestellt wurde. Dieser einfache Schmuck wurde häufig durch Papierblumen, Zuckerstangen, Käse oder Wurst ergänzt und durfte von den Kindern "geplündert" werden.

 

Als im 19. Jahrhundert der geschmückte „aufgeputzte“ Tannenbaum immer populärer wurde, gehörte der essbare Baumbehang - Äpfel, später auch Nüsse und Gebäck - zum festen Bestandteil des Baumschmuckes. Dieser vergängliche Christbaumschmuck stand von nun an bis ins späte 19. Jahrhundert im Vordergrund. An der Bedeutung des süßen Baumbehangs kann man erkennen, daß die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts keine reiche und satte Zeit waren. Um so mehr galten Obst, Gebäck und Süßigkeiten als willkommene Festtagsgeschenke.

 

Der Weihnachtsbaum in der Biedermeierzeit trug Kerzen, die mit Stecknadeln oder Wachs auf den Zweigen befestigt wurden und später dickwandige Kugeln aus Glas. Zu besonderer Beliebtheit gelangte gleichzeitig der Tragantschmuck - essbares Gebäck, das mit Tragant, einer luftgetrockneten Harzmasse, haltbar gemacht wurde.

 

In der Gründerzeit erreichte der Weihnachtsbaum seine bis dahin größte Verbreitung und entfaltete eine Pracht und Fülle, welche der Wohlstandseuphorie dieser Zeit entsprach. Für den Aufschwung der Christbaumschmuckherstellung in Lauscha (Thüringen) war vor allem die 1867 erbaute Gasanstalt verantwortlich. Denn nun konnten dünnwandige Kugeln und andere Objekte produziert werden.

 

Seit der Gründerzeit wurde in Gablonz (Böhmen) Glasperlenschmuck in Heimarbeit hergestellt. Glasobjekte umsponnen mit leonischen Drähten und Lamettaschmuck trugen zum festlichen Charakter des Baumes bei. Nach wie vor wurde auch Essbares zwischen die Zweige gehängt. Seit 1878 wurden die Kerzen mit z.T. aufwendig verzierten Pendelkerzenhaltern am Christbaum befestigt. Durch Kombination verschiedenster Materialien war der Baumschmuck aus Sebnitz (Sachsen) ausgezeichnet. Der vorwiegend in Heimarbeit gefertigte Sebnitzer Christbaumschmuck konnte sich gegen den industriell gefertigten Schmuck nicht behaupten und war daher nur für einen relativ kurzen Zeitraum (ca. 1870-1910) auf dem Markt erhältlich.

 

Seit etwa 1870 wurde die „Dresdner Pappe“ produziert, hatte ihre Blütezeit um 1880 und war bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr beliebt . Gefalzt und gestanzt, liebevoll bis ins kleinste Detail hin bemalt erzielten die Ornamente eine verblüffend "kostbare" Wirkung.

 

Eine Erscheinung im Jugendstil war die „Weiße Welle“, der ausschließlich mit weiß/silbernem (Glas)schmuck dekorierte Weihnachtsbaum als Reaktion auf die überladenen Üppigkeit des Historismus. Das Weiße und Silberne dieser Jugendstil-Weihnachtsmode sollte zugleich an eine Winterlandschaft in Schnee und Eis erinnern: ein bezauberndes Naturbild. Neben dem Glasschmuck der „Weißen Welle“ wurde in Lauscha im Zeitraum von 1900-1920 ein breites Spektrum von frei und in die Form geblasenen sowie mit Glimmer und venezianischem Tau verziertem Christbaumschmuck gefertigt.

 

Der Christbaumschmuck ist immer auch Spiegelbild der Zeit. So avancierte der Baumbehang im ersten  Weltkrieg zu einer nationalen Angelegenheit. Nationale Symbole und Motive technischer Errungenschaften dienten dem Weihnachtsbaum als Verzierung. Glaskugeln in Nationalfarben, „Dicke Bertas“, Papierfähnchen, Kaiser-Wilhelm-Porträts, ein Heißluftballon mit kaiserlichem "Passagier" oder Miniatur-Zeppeline & -Flugzeuge fanden sich an seinen Zweigen wieder.

 

Der Art deco-Christbaum der 1920er Jahre war besonders geprägt durch kunstgewerblichen Glasschmuck mit typischen farbigen Akzenten aus Lauscha und Gablonz.

 

Ähnliche Versuche der Nationalsozialisten in den 30er Jahren, den Weihnachtsbaum zu politisieren, indem Hakenkreuze, Kugeln mit germanischen Symbolen und Runenzeichen und Miniaturhefte vom Führer angepriesen wurden, verfingen nicht: Die Menschen griffen lieber auf Traditionelles zurück. Des weiteren hingen auch Laubsägearbeiten, sogenannte WHW Anhänger, die der Bevölkerung unter moralischem Druck verkauft wurden, am Baum.  1943 wurde vorerst die Herstellung von Baumschmuck verboten, da Material und Arbeitskräfte für die Rüstung und andere kriegsrelevante Bereiche gebraucht wurden.

 

Nach dem 2. Weltkrieg wurde bei der Herstellung des Weihnachtsbaumschmuckes auf sämtliche Materialien und Motive aus der Vorkriegszeit zurückgegriffen.

 

 

Chronologie

 

Biedermeierzeit (1815-1848)

Essbarer Baumbehang, rotbackige Äpfel und Oblaten

vorrangig. Wenig später Obst und Nüsse, dann

Gebäck und Süßigkeiten. Besonders beliebt der haltbare

Tragantschmuck. Neben Kerzen (mit Stecknadeln

oder Wachs befestigt) zuletzt schwere, dickwandige

Farbglaskugeln.

 

Gründerzeit (1860-1900)

Christbaumschmuck verschiedenster Materialien

wie Watte, Papier, Dresdner Pappe, Glas zum Teil

mit leonischen Drähten umsponnen und Essbares.

 

Jugendstilzeit (1895-1914)

Silberner Glasschmuck mit weißen Kerzen, die

„Weiße Welle“.

 

Zeit des Ersten Weltkrieges (1914-1918)

Nationale Symbole wie schwarz-weiß-rot-bemalte

Glasobjekte, Zeppeline, U-Boote, Flugzeuge bis hin

zu Bomben („Dicke Berta“).

 

Die Zwanziger Jahre (1920-1930)

Kunstgewerblicher Glasschmuck aus Farb- & Fadenglas, Messingampeln

mit bunten Gelatinefenstern.

 

Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945)

Motive und Propagandamaterial der NS-Zeit, traditioneller Baumschmuck.

 

Die Fünfziger Jahre (1950-1960)

Bunter, traditioneller Baumschmuck